Das Haus in der Josephinenstr.67 oder: Art Nouveau meets Streetlife



Die Fassadenbemalung eines Jugendstilhauses durch einen zeitgenössischen Künstler – hier denkt jeder sofort daran., das zwei inkompatible Stile sich notgedrungen gegenseitig abschwächen müssen..


Die Frontgestaltung dieses Hauses ist ein gutes Beispiel für das Gegenteil davon. In einer für das Auge angenehmen, konsequent durchgehaltenen Monochromie hat der Künstler Detlef Vordenbäumen die Farbe Blau in den drei Qualitäten Hellblau, Mittelblau und Dunkelblau dominieren lassen. Sie wird partitiell durch das komplementäre Orange und Dunkelgrau ergänzt. Es erfolgte zunächst ein Grundanstrich, verteilt auf verschiedene, rechteckig begrenzte Areale.


Auf dieser Grundierung wurden die für Vordenbäumen typischen, an Graffiti erinnernden Hieroglyphen wechselnd im freien All-over- Modus und im geordneten Rapport aufgetragen. Die Reihung - und damit die strengere Bindung des Ornaments an die architektonische Vorlage – findet sich zumeist in der Nähe von Fenster – und Türrahmungen. Daneben gibt es großflächige Zonen, die – ungeachtet der Tatsache, dass es sich um eine durch Stuckvorlagen und Fenster bzw. durch Geschoßgliederung bereits strukturierte Fassade handelt – wie die Leinwände und Folien benutzt werden, mit denen Vordenbäumen bisher gearbeitet hat.


Man kann bereits an dieser Stelle festhalten, dass genau dieser Umgang mit Der Fassade, d.h. das gleichzeitige Betonen der vorgefundenen Struktur und die sich autonom zu ihr verhaltenden Malerei für die komplexe Interaktion zwischen Architektur und Malerei verantwortlich ist. Weder hat Vordenbäumen einem bloß dekorativen Betonen der Fassade gehuldigt, noch hat er – wie etwa an den Fotorealismus oder die Popart der 70er Jahre erinnernden `Hausverschönerungen` mit Tromp-l`oeil-Effekt – die Geschichte des Hauses unter einem phantastischen Bilderteppich verschwinden lassen.


Seine Lösung lässt das Ganze für den Passanten nicht zu einem `tricky effect`gerinnen, sondern fordert zur verweilenden und aufmerksamen Betrachtung auf. Aus der Entfernung fällt auf, dass der Künstler der im Bau enthaltenden – und zugleich durch den Gesamtumriss betonten – Vertikaltendenz ein Gegengewicht in der Horizontalen entgegensetzt, indem er die Sockelzone mit verschiedenen Rahmungen und alternierenden Farben in den Figur-Grund Bezügen hervorhebt. Auf der anderen Seite verstärkt er die aufsteigende Grundbewegung der Fassade mit den zwei ganz außen rechts und links bis zum Giebel aufsteigenden. Sich minimal von ihrem Umfeld abhebenden Bahnen. Weiter werden die Fenster des ersten und zweiten Geschosses rechts und links von einer ornamentalen Reihung eingefasst, d.h. die in den architektonischen Vorlagen des Hauses enthaltenden Ordnungsfunktionen werden durch Vordenbäumen um weitere, bloß aufgemalte Strukturen ergänzt.


Ein zentrales, die symmetrische Grundtendenz der Gesamterscheinung forcierendes Element ist eine über dem Türrahmen beginnende, auf dunkelgrauem Grund angelegte Zeichenformation, die sich bis zur Giebelkante zieht und die figurativen Züge eines Totempfahls annimmt. Das Totem als Individuell gewähltes Symbol, das zum Schutzgeist eines Hauses wird, hat in diesem Zusammenhang einen durchaus übertragenden Sinn. Zugleich streift der Künstler damit die Erinnerung an kulturelle Bedeutungsmuster anderer Völker, er fügt fremde Stimmen in das System seiner bildnerischen Sprache zu einer polyglotten Kommunikation ein.


An dieser Mittelachse des Gebäudes ist das künstlerische Austarieren zwischen der die Geometrie des Hauses unterstützende Gestaltung und dem Beharren auf davon unabhängigen, malerisch – expressiven Inhalten bis an die Grenze eines äußersten möglichen Gleichgewichts erfolgt.


Eine Wiederholung dieses Prinzips findet sich in den floral anmutenden Strukturen, die sich nach der Abschlußkante des Erdgeschosses zellverbundartig und organisch als nach oben hin verjüngende Pflanzen empor ziehen. Im Gegensatz zur gedrängt und dicht gestalteten, Schwere vermittelnden Sockelzone hat der Betrachter hier den Eindruck – koinzidierend mit einer wesentlich helleren Blauvariante – der Leichtigkeit und Loslösung der Malerei von ihrem stofflichen Träger. Zugleich ist hier auch eine gewisse Analogie des Vordenbäumschen Zeichenrepertoires zur vegetabilen Grundkonzeption des Jugendstils spürbar, die für das harmonische Ineinandergreifen von historischer Fassade und moderner Kunst sorgt.


Während sich hier wie auch in dem Totempfahl die einzelnen Mikroformen der Makroform unterordnen, sind sie im Untergeschoß zu einem frei flottierenden Graphernstrom organisiert, der Stellenweise an die Bildsprache eines Keith Haring erinnert. Es sind einzelne, prägnante, an den Ductus von Comiczeichnungen und Graffityskizzen erinnernde Chiffren; Buchstaben und Wörter einer auf kollektiver Alltagserfahrung und persönlicher Erinnerung entspringenden `ecriture automatique`. Diese innerlich motivierte, automatische Schreibweise, die ihre surrealistische Herkunft nicht verleugnen will, erfährt durch die formale Disziplin des bewusst gesetzten und komponierten zeitgenössischen Ornaments ihren adäquaten künstlerischen Ausdruck.


Im Vergleich zu früheren Arbeiten und vielleicht auch durch die Größe des zu gestaltenden Objekts provoziert, präsentiert sich die bildnerische Sprache Vordenbäumens vom Gegenständlichen abgelöster als bisher, sie erscheint klarer, gereifter und selbstverständlicher.
Das subversive Element, das in dieser Arbeit eine Rolle spielt, gibt sich nicht Vorlaut und schrill, sondern eröffnet sich dem vorbeihastenden Passanten erst auf dem zweiten Blick.

Gabriele Wurzel
 

 

Assistenz: Simone Reusch

Fassadenvorbereitung: Firma Littmeier